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Edith
Brandstätter
Jahresthema
"Wolkenhaupt"
Oktober 2026
Titel: „(m)ein Blick in den Himmel über mir“
… wie sehr bestimmt der Standpunkt die
Sichtweise?

Technik: Tondo (=unendlich, allumfassend)
Wolkenbild in Eitempera auf Leinwand
Glaskopf (Haupt),
Naturmaterial/Wurzel (Heimat),
Origami-Kraniche
(Symbol für Frieden) aus übermalten Zeitungsausschnitten

Beschreibung:
Es war heuer
Anfang März, kleiner Spaziergang draußen - ich war einerseits mit meinen
Überlegungen zum Thema „Wolkenhaupt“ beschäftigt, andererseits hatten mich die
aktuellen Kriegsereignisse im Nahen Osten und der Angriff der USA auf den Iran
neuerlich zutiefst erschüttert - -
als ich meinen
Blick vom Himmel über mir nicht lösen konnte:
DIESES WUNDERBARE
TREIBEN DER WOLKEN, DAZWISCHEN FLIRRENDES SONNENLICHT, DER WECHSEL DER FARBEN…
WAS FÜR EIN SCHAUSPIEL DER NATUR, UNFASSBAR SCHÖN!
Tiepolo, Tizian,
Monet …kamen mir in den Sinn. Auch
Turell. Sie alle sahen, erlebten, wohl den gleichen Himmel (…)
Über 8 Milliarden
Menschen leben derzeit auf dieser Welt. Unserer Erde.
Dieser Himmel ist
unser aller Himmel, aber…
… was, wenn ich
nicht hier, im friedlichen, reichen, freien Europa lebe?
… was, wenn
Sorgen, Angst, Not … meine Lebensgrundlage sind?
… was, wenn Krieg
und Bomben mir jede Lebensperspektive rauben?
… wenn Flucht der
einzige Ausweg ist – ich ENTWURZELT bin …?
… was, wenn…???

Ausführung:
Ich versuche hier
das Spannungsfeld zwischen der Schönheit der natürlichen Schöpfung einerseits
und andererseits die Maßlosigkeit menschlichen Handelns, das sich täglich in
Bildern und Berichten über Zerstörung, Krieg, Tod, Machtphantasien…
Unmenschlichkeit äußert, darzustellen.
Stellt sich die
Frage: was macht den Mensch zum Menschen?
Der Wunsch nach
FRIEDEN steht über allem.

DIE KRANICHE:
„Der Origami-Kranich (Orizuru) steht weltweit als Symbol für Glück,
Langlebigkeit, Weisheit und FRIEDEN“*
Collage von Fotos des Entstehungsprozesses:
schriftliche Übermalungen“
Die
Kraniche dieser Installation sind während der letzten Monate entstanden.
Sie
wurden aus ausgewählten Zeitungsausschnitten gefaltet, die ich vorher mit
Tusche oder weißer Gouache „überschrieben“ habe, je nachdem, wie ich den
Artikel bewertete.
Dafür
entscheidend war für mich, inwiefern mir der jeweilige Bericht, Artikel,
Kommentar (…) für den so notwendigen und gewünschten (WELT)FRIEDEN förderlich (hell),
oder zerstörerisch (dunkel), schien.
So
waren Überschreibungen wie GEWALT, MACHT, TOD, ANGST, TRAUER, WAFFEN, GELD,
PROFIT, DÜRRE, ZERSTÖRUNG, LÜGE, KRIEG, WUT… einerseits – anderseits
HOFFNUNG, FREUNDSCHAFT, KUNST, IDEEN, SCHÖNHEIT, RUHE, MUT, FREIHEIT, MUSIK, HILFE,
DENKEN, WIDERSTAND, POESIE…
prägende
Begriffe dieser durchaus intensiven Auseinandersetzung mit dem zum Teil
desaströsen Welt- und Zeitgeschehen der letzten Monate.
Dementsprechend „bevölkern“ schwarz-
oder weiß gefiederte Kraniche die Installation.
*JNTO -Japan national tourism.org 

Der Text von Daryna
Melashenko*, den ich hier verwenden
darf, ist ein authentischer Bericht,
der meine Überlegungen und Ideen ganz persönlich beschreibt:
Wo der Himmel einfach nur Himmel ist
Eine Zugfahrt
von Lwiw nach Salzburg. Dazwischen liegen Krieg und Frieden, Grenzkontrollen
und Kaffeepausen – sowie die Erkenntnis: Der Himmel ist hier einfach nur der
Himmel. Sonst nichts.
Mein Zug fährt Richtung Salzburg.
Fährt er? Bin das ich, die da im Wagen sitzt und aus dem Fenster schaut? Und
diese Häuser und Bäume, die vorbeiflimmern … Ist das die Realität? Vielleicht
nur ein Traum? Doch. Der Zug ist da, ich bin da, Wälder und Wiesen sind da,
meine treue schwarze Reisetasche und ein Notizbuch. „Im Falle eines Angriffs
verlassen Sie bitte unverzüglich die Waggons und begeben Sie sich in den
Unterstand oder halten Sie sich in sicherer Entfernung vom Zug auf. Warten Sie
nicht am Bahnsteig. Denken Sie daran: Ihr Leben ist wichtiger als Ihr Ticket.“
Eine ruhige, gleichgültige Stimme, routiniert wie eine Wettervorhersage.
Diese Durchsage begleitet
inzwischen jede Zugfahrt in der Ukraine. Jede Fahrt ist ein Risiko: Seit 2025
bombardiert Russland systematisch die Eisenbahnknoten, seit dem vergangenen Winter jagen Drohnen auch die Züge selbst.. Die Gefahr kommt von oben. Immer.
Das gilt allerdings nicht nur für den Zug. In Kyjiw, in Lwiw, im Osten des
Landes – überall muss man ununterbrochen mit dem Himmel rechnen.
Dabei liegt im Fenster gerade ein
friedliches, mit kleinen Wolken getupftes Blau. Den Himmel des Krieges stellt
man sich ganz anders vor. Die Nacht bricht langsam herein. Der Zug erreicht die
Grenze. In Tschop werden die Drehgestelle gewechselt, von der breiten Spur auf
die europäische. Eine knappe Stunde lang wird der Waggon umgebaut, damit er
weiterfahren darf.
„Nächster Halt: Salzburg
Hauptbahnhof“
Dann kommt die Grenzkontrolle.
„Bargeld? Kunstobjekte? Zigaretten? Drogen?“ Ich habe aufgehört zu rauchen.
Mein Rezept für Antidepressiva ist abgelaufen. Egal. Der Grenzer kneift
schmunzelnd die Augen zusammen, blickt abwechselnd auf mein Gesicht und mein
Passfoto. „Schwer, Sie zu erkennen.“ Danke, Herr Kontrolleur. Ich habe eine neue
Frisur. Eine bessere. Und vielleicht ein paar Jahre Angst in den Augen.
Aber noch nicht zu viele.
Nach der Kontrolle kann man
schlafen. „Liebe Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir den Wiener
Bahnhof.“ Noch eine knappe Stunde bis zum Anschluss nach Salzburg. Etwas
naschen, eine Melange holen. Und dann die Passanten beobachten. Ein Mann auf
dem Fahrrad, eine Frau mit einer Einkaufstasche. Zivilfahrzeuge an der
Kreuzung. Zivilfahrzeug. So nennt man ein Auto, wenn man von oben schaut.
In Cherson und den Dörfern entlang
des Dnipro findet derzeit täglich eine Menschensafari statt. Drohnen kreisen
über den leeren Straßen und suchen nach lebenden Zielen. Die Stadtverwaltung
von Cherson sagt: So trainieren künftige russische Drohnenpiloten. Sie üben
ihre Treffsicherheit, filmen die Jagd und laden die gelungensten Videos ins
Netz.
„Nächster Halt: Salzburg
Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Bitte vergessen Sie beim
Aussteigen nichts im Zug.“ Die Stimme aus den Lautsprechern ist ruhig,
melodiös, beinahe mütterlich. Am Himmel hinter dem Fenster zeichnet sich noch
keine Abenddunkelheit ab. Es ist einfach nur Himmel. Sonst nichts.
*Daryna Melashenko
stammt aus Bojarka, einem Vorort von Kyjiw. Bei Kriegsausbruch floh sie nach
Lwiw. Sie ist Autorin und Übersetzerin.
Der Artikel ist am 19. August 2026 in den SN
erschienen
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